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Geschichten vom Arrenberg - 29. July

Klimaquartier Arrenberg: Die Kraft der Menschen eines Viertels

Mit Energie und Atmosphäre: So wünschen wir uns lokale Zukunft und den Umgang mit Ressourcen und Lebensraum. Der Weg hat längst begonnen.

Verantwortung für unsere Welt – Einklang allen Lebens: Wer unsere globalen Aufgaben der Gegenwart formulieren will, gerät schnell in die ganz großen Dimensionen. Dabei ist die Basis für viele aktuelle „Baustellen“ eigentlich ganz handfest: Es geht um unsere Erde. Umweltpolitik, Machtstreben, Hungersnöte: Die Natur und unser Umgang mit ihr erfasst verschiedenste Bereiche. Und dass alles mit allem zusammenhängt, ist keineswegs mehr bloß eine Phrase verschrobener Esoteriker: Auch für die Wissenschaft sind Nachhaltigkeit und gemeinsames Handeln längst das Gebot der Stunde. Soviel zum Hintergrund für ein Projekt wie „Aufbruch am Arrenberg“ und seine konkrete Weiterentwicklung in letzter Zeit.
Global denken, lokal handeln! Abgedroschen, aber klar und unumstößlich gibt dieses Motto die Richtung vor, um sein Tun effektiv und nachhaltig zu gestalten. Wo die wirtschaftliche und technologische Zusammenführung der Welt oft mehr in ihren katastrophalen Folgen ins Auge fällt, liegen im Wegfall der Grenzen auch Chancen. Unzählige Projekte weltweit setzen auf gemeinsames Handeln, und mancher spürt geradezu den Geist einer „Revolution von unten“.

Neben Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen, Tierschutz-aktivisten und karitativen Hilfsorganisationen hat dieses Denken auch Einzug in den Alltag gehalten: Mit etwas Selbstlosigkeit lässt sich auch die direkte Nachbarschaft verschönern – hübsche Beweise dafür sind Strick-Guerillas und veganes Urban Gardening. In Wuppertal sind mit dem enormen Bürgerengagement in Sachen Trasse und dem Leuchtturmprojekt Utopiastadt im Mirker Bahnhof zwei großartige Beispiele zu bewundern. Auch der Arrenberg steht für diesen Zeitgeist, der mehr als nur das ist.
Beim „Aufbruch am Arrenberg“ knüpft sich an unternehmerische Vorstöße mit ihrer unübersehbaren Aufwertung des Viertels inzwischen ein Engagement, dessen Potenzial noch längst nicht erschöpft ist. Es scheint lohnend, hier am Ball zu bleiben und den frischen Wind in Bewegung zu halten: Das Projekt Klimaquartier als Antrieb für einen „Aufbruch 2.0“? Warum nicht!

Das Leben am Arrenberg mit seinen Angeboten und seinem ständigen Wandel findet Aufmerksamkeit über die Stadtgrenzen hinaus. Restaurant Day, Foodsharing, Essbarer Arrenberg, Stadtteilservice, Jugendtreff und Jugendprojekt gobox, Martinszug, das Arrenbergfest, Stammtische und Netzwerke stehen für Kommunikation und gelebte Nachbarschaft. Kunstausstellungen, Konzerte und Kulturveranstaltungen spielen sich nicht nur in geschlossen Räumen ab, sondern nutzen die Straßen und öffentlichen Flächen bis an und in die Wupper. Davon profitiert die Ausstrahlung des Viertels. Kooperationen mit Einrichtungen wie auch Behörden sind selbstverständlich. Manches heute Alltägliche am Arrenberg war vor zehn Jahren noch undenkbar.

Mit den Erfahrungen weitete sich das Themenspektrum – heute ist der Begriff „Klimaquartier“ in aller Munde. Dahinter steckt eine Vision von Umweltbewusstsein plus Effizienz, von ethischem Anspruch und wirtschaftlichem Denken.

Nachhaltige Energieversorgung, Mobilität ergänzt mit dem Essbaren Arrenberg sind die drei Haupt-vorhaben, die sich neben weiteren, vielversprechenden Gedanken in einem Ideenpool befinden. Das ambitionierte Ziel: CO2-Neutralität bis zum Jahr 2030. Unser Kiez mit 5500 Mitmenschen und einer bunten kulturellen Vielfalt wagt damit den Versuch, im konsequenten Angang aller miteinander verknüpften Projekte die Herausforderung Klimaneutralität zu meistern.

Mobilität berührt in ganz besonderem Maße die öffentliche Lebens-qualität im Viertel. Im Mittelpunkt sollten dabei die Fußgänger stehen, die in der Städteplanung bislang allzu oft kaum Berücksichtigung gefunden haben. Der Fußweg am Wupperufer zeigt, wie schön solche Veränderungen aussehen können. Die direkte Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ist am Arrenberg dank der Schwebebahn kaum noch zu verbessern. Daher steht im Vordergrund, mit Car Sharing, Fahrrädern, E-Bikes und Elektromobilität allgemein Straßen und Parkraum zu entlasten, gekoppelt an die individuellen Anforderungen der Einwohner.
Nicht nur im Bereich Mobilität suchen kompetente Engagierte und Partner aus Forschung, Unternehmen und Lehreinrichtungen nach den sinnvollsten Lösungen. Das Wuppertal Institut, die Bergische Universität, die WSW, die Energieagentur und die Effizienzagentur sind nur einige namhafte Kooperationspartner. Kommunikation und Prozesssteuerung laufen in einzelnen Teams zusammen. Wissenschaftliche Aspekte und aktuelle Forschungsergebnisse spielen bei der Realisierung dieses Pilotprojektes ebenfalls eine wichtige Rolle.

Emissionen lassen sich allerdings nicht nur auf der Straße vermeiden: Die Energiewende findet bei jedem zu Hause statt. Schon seit Jahren haben einige Akteure im Stadtteil die Auseinander-setzung mit alternativen Energiequellen im Blick. Mit dem Pilotprojekt in der Simonsstraße könnten 25 Heizungssysteme, 25 Elektroversorgungen, 25 Schornsteine und 25 Wartungs-dienste, also 25 Wohnhäuser und Gewerbeflächen, zu einer Energiezentrale, einem Netz und einer Verantwortung zusammengeführt werden. Ein Blockheizkraftwerk, Brennstoffzellen und Solaranlage, Wärme- und Stromspeicher sollen den Häuserblock miteinander vernetzen und so seine CO2-Neutralität sichern. Die derzeitige Kooperation mit Mietern und Hausbesitzern soll nach Konzeptphase, Kostenermittlung und Finanzplanung bis Ende nächsten Jahres für klare Verhältnisse sorgen und könnte dann realisiert werden. 2018 soll nach den Überlegungen der Umbau abgeschlossen sein. Anhand der Erfahrungen aus dem Block Simonsstraße, so der Plan, könnten dann ab 2020 bis zum Jahr 2030 Häuserblock für Häuserblock emissionsneutral umgestellt werden. Eine große Herausforderung, die durch Erfolgserlebnisse und intensive Projektbetreuung auch die Allgemeinheit überzeugen soll. Die Macher sprechen schon von einer „Win-win-win-Strategie“: Nicht nur positiv für Hausbesitzer und Mieter, sondern auch Garant für die ökologische Sauberkeit eines grünen Wuppertals.

Einen weiteren Anstieg der Lebensqualität erhofft man sich schließlich auch vom Projekt Arrenbergfarm. Klar im Fokus steht die Auseinandersetzung mit Nahrung und Ernährung. Landwirtschaft mitten in der Stadt ist das Ziel und die Chance einer nachhaltigen Selbstversorgung soll mit einem großen Gewächshaus umgesetzt werden. Der Essbare Arrenberg will innovative Ideen verwirklichen und beweisen, was in einem funktionierenden Netzwerk ökologisch und wirtschaftlich umgesetzt werden kann. Damit verspricht dieses dritte Vorhaben die größte Außenwirkung und überregionales Interesse. Schauplatz wäre die 60.000 Quadratmeter-Brache des ehemaligen Bundesbahngeländes, und entstehen soll hier demnach die erste Farm überhaupt im Zentrum einer deutschen Großstadt. Moderne, biologische Landwirtschaft und Fischzucht auf 3500 Quadratmetern mit geschlossenem Nährstoff- und Wasserkreislauf sollen das eigentliche Kernstück bilden, um das herum unterschiedliche Ansiedlungen denkbar wären. Verwaltet von einem zentralen Farmhaus gehören die Ideen von einem Bauernhof, einer kleinen Brennerei und Brauerei, einem Ressort, einem Farmladen und einer Farmküche in diese urbane Erlebniswelt mit naturnaher Versorgung. Ein Areal von 8000 Quadratmetern würde Platz für Veranstaltungen mit Wasserlandschaft, Oase und Spielplatz bieten. Märkte und Events wären geeignet Hemmnisse abzubauen und könnten die öffentlichen Flächen der Stadt ergänzen. Leben, Entspannen und Arbeiten mitten in der Stadt mit fast ländlichem Flair – das klingt nach vielversprechenden Impulsen. Die integrative Renaturalisierung dieser Brache mit der Gelegenheit zu innerstädtischer Selbstversorgung könnte ein ungemein deutliches Zeichen für die Wohnstadt Wuppertal sein. Zudem könnten bis zu 100 neue Arbeitsplätze geschaffen werden; noch ein Pluspunkt neben der weiteren Aufwertung des Viertels und einer neuen Vielfalt – bis hin zur Besucherattraktion. Bis aber dem Arrenberg Tourismus und Gentrifizierung drohen, wird sicher noch einiges an Wupperwasser in den Rhein fließen…

„Action speaks louder than words“, sagt man in England. In Richtung Essbarer Arrenberg und Arrenbergfarm sind die ersten Schritte gemacht und die Idee längst auf dem Weg in die Realität. Die solidarische Landwirtschaft auf der Nutzfläche „In der Dalster“, die in diesem Frühjahr begonnen hat, ist eine weitere Gelegenheit, um seine Finger in Erde zu stecken, Natur zu erleben, natürliches Wachstum zu sehen und Honig zu naschen. Auch dies war zunächst nur eine Idee, die lebendig werden konnte, weil zwei Spaziergänger und deren sich beschnuppernde Hunde ins Gespräch kamen.

Ideen und Träume sind nur wirklich schön, wenn man sie in Erfüllung gehen lässt. Mit kleinen Schritten hat vor acht Jahren alles begonnen und in der Summe viel bewirkt. Aufbruch ins Klimaquartier Arrenberg – umweltgerecht und mit guter zwischenmenschlicher Atmosphäre? Mehr als eine Vision, denn Zukunft findet immer im Augenblick statt.

Text: Wolfgang Rosenbaum und Martin Hagemeyer

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