Close

Geschichten vom Arrenberg - 10. August

Die Revolution, der Kaiser und die Brezel

Von der Erfolgsgeschichte einer 218 Jahre alten Backware und den Händen, die sie täglich zum Leben erwecken

Es sind oft die kleinen Momente im Leben, die es verändern und erst im Laufe vieler Jahre ihre wahre Bedeutung gewinnen. So ist die Geschichte der Familie Hösterey seit acht Generationen mit einer Begegnung verbunden, aus der eine andauernde Lebens- und Liebesgeschichte mit der Brezel wurde.

Es war im Jahre 1795 zu Zeiten der Französischen Revolution, als der Unterburger Bäcker Johann Peter Hösterey einen französischen Soldaten bei sich aufnahm und gesund pflegte. Mit dem Mann aus der Gegend um Cluny im Burgund traf der Bäcker nicht nur auf eine andere Sprache und Kultur, sondern auf eine Inspiration, die zu einem festen Bestandteil der Bergischen Historie werden sollte. Der Franzose verstand nämlich auch den Umgang mit dem Teig und weihte seinen Gastgeber, vielleicht aus Dankbarkeit, in die Kunst des Brezelspinnens ein. Die Burger Brezel war geboren.

Die Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf und das Rezept wurde nur unter Eingeweihten gehandelt. Die kleine Backware war für ihre Haltbarkeit berühmt und erfüllte damit ein wichtiges Kriterium der damaligen Zeit. Damals wie heute erinnert der harte, süßliche Teig mehr an Zwieback und wurde daher gerne – typisch bergisch – gezoppt, also in Kaffee oder Tee getaucht. Die Bergische Kaffeetafel ist ohne diesen sinnlichen Akt kaum vorstellbar und vielen Menschen in der Region selbstverständlich vertraut.

Bis zum heutigen Tage hält Rüdiger Hösterey das Handwerk ganz unprätentiös aufrecht und verkörpert die Seele einer langen Tradition. „Für Tradition kann man sich nichts kaufen“, sagt der 70-jährige mit einem spitzbübischen Lächeln und lebt genau diese mit großem Bewusstsein. Die Brezel und die Jahrhunderte werden lebendig, wenn der gelernte Konditor über sein markantestes Produkt spricht und die Backstube in der Friedrich-Ebert-Straße mit dem alten Ofen stumm und wissend Zeuge steht. Versteckt im Hinterhof würde man hier gar kein Gewerbe vermuten und ohne größere Beachtung einfach vorbei gehen. Ein simples Emailleschild mit Brezel am schwarzen Metalltor wirkt wie ein symbolisches Zeichen für Eingeweihte. Doch steht dieses Schild immer noch für ausgezeichnete Qualität und verbirgt im Hinterhof einen feinen Handwerksbetrieb, der 1848 nach Elberfeld expandierte. Zunächst zog die Familie Hösterey an die Hofaue und schuf dann im Jahre 1900 mit dem Neubau der Backstube direkt am heutigen Robert-Daum-Platz ihren endgültigen Standort.

Die Geschichte der Familie und der Bäckerei hält Rüdiger Hösterey in festen Händen. In einem Schnellhefter bewahrt er die wichtigsten Zeitdokumente auf und hat sie stets griffbereit. „Hier. Das Dankschreiben des Kaisers!“, sagt der Bäcker mit leichtem Stolz und zeigt ein Dokument, das man eigentlich nur im Museum zu Gesicht bekommt. Seit dieser Epoche hat sich viel verändert und wie ein sich schließender Kreis ist die Bäckerei heute wieder ganz nahe an ihrem Ursprung. Die kleine Manufaktur, deren Tradition und Handwerk von der Slow-Food-Organisation mit der Aufnahme in die Arche des Geschmacks geehrt und gefördert wird, hat sich bewusst von der Massenware weg entwickelt und steht für eine regionale Kultur, die vom Aussterben bedroht ist.

So ist nach der achten Generation derzeit auch keine neunte in Sicht. Die Kinder haben eigene Wege eingeschlagen und bis einer der Enkel soweit ist, werden noch Jahre vergehen. Doch die Freude, die Rüdiger Hösterey und seine Frau Sabine an der täglichen Arbeit haben, und die handgemachten Spezialitäten mit Feinkostcharakter geben auch für die kommenden Jahre Kraft und Ausdauer. Mit bester Gesundheit und der Liebe zur eigenen Berufung ist der Lebensrhythmus einfach abgestimmt auf Spekulatius, Gusszwieback und Brezel. Wer seine Sinne spitzt, sollte einfach mal den Wohlgerüchen folgen und den Weg in die Backstube der Familie Hösterey finden. Persönlicher kann man solche Kostbarkeiten nicht kaufen und selten macht Geschichte so glücklich, wenn man einfach nur in sie hineinbeißt und genießt.

-> Bäckerei Hösterey · Friedrich-Ebert-Straße 104, Hinterhaus
 

Text: Wolfgang Rosenbaum

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.