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Geschichten vom Arrenberg - 10. July

Aktionszentrum Impuls – ein Mosaikstück Wuppertaler Kulturgeschichte

Juni 1968 bis April 1973.
Viehhofstraße 154.
Ein ganz besonderer Ort.

Über die Stadtgrenzen hinaus wirkte dort das Aktionszentrum Impuls. Einem Zeitgeist folgend, der gesellschaftliche Veränderungen schaffte und mit seinem subtilen Echo bis heute nachhallend die Generationen prägt. Ernst Dieter Fränzel gründete vor 47 Jahren das für Wuppertal erste kulturpolitische Zentrum der Nachkriegszeit. Ingrid Schuh und Doris Golka kümmerten sich um Geschäftsführung und Gastronomie des eingetragenen Trägervereins: der ZEITKUNST-Gesellschaft.Das Aktionszentrum Impuls ist in der historischen Retrospektive eingerahmt von globalen Zusammenhängen und steht dennoch explizit auch für eine lokale Revolution, die uns heute selbstverständlich erscheint. Ausgehend von dem Nullpunkt des beendeten Zweiten Weltkrieges entfaltete sich im geistigen Wiederaufbau ein komplett neues Bewusstsein. Die Kriegskinder, die sogenannten 68er, entwickelten eine revolutionäre Energie und ein bedingungsloses Streben nach Freiheit. Der Zerriss mit den schweigenden, vom Krieg traumatisierten Eltern und Großeltern hätte kaum größer sein können. In dieser Wechselwirkung – Kontinente übergreifend – bestimmten viele junge Menschen ihren eigenen Geschmack, eingebettet in neuen Wertvorstellungen.
 
E. Dieter Fränzel steht genau für diese Generation. 80 Jahre wird er dieses Jahr, das Alter sieht man ihm nicht an. Er strahlt eine Lebensenergie aus, die ihn locker 20 Jahre jünger wirken lässt. Diese Energie war E. Dieter Fränzel mit Sicherheit sein ganzes Leben zu eigen. Hineingestürzt hat er sich in die Jazz- und Kulturszene der 50er Jahre und verpflichtete sich mit leidenschaftlichem Engagement den Fragen der Kultur. Als Musikliebender veranstaltete er Konzerte, Festivals und Kulturprojekte. Sein beruflicher Werdegang entfesselte den Maschinenschlosser und technischen Zeichner später zum Kultur- und Medienpädagogen.
 
Mit den 60er Jahren konzentrierte sich bei ihm alles auf die Musik. Fränzel organisierte Konzerte in wechselnden Kneipen, Clubs und Räumen, bis sich der Wunsch nach einem eigenen, festen Standort manifestierte. Fündig wurde man dann am Arrenberg auf dem Gelände des heute noch existierenden Autoverleih Dürdoth. Das Impuls entstand.
Mit dem Aktionszentrum positionierten sich die Protagonisten der Wuppertaler Szene in einem ganz neuen, kulturpolitischen Kontext. Zum einen wollte man eine dauerhafte Plattform für Musik, Theater und Filme schaffen, zum anderen vertiefte sich die Kommunikation und das erwachte, politische Bewusstsein bündelte sich in die unterschiedlichsten Arbeitsgemeinschaften. Provokante Aktionen begleiteten freie Gedanken und reizten dabei auch durch radikalere Einflüsse das deutliche öffentliche Interesse. Natürlich suchten auch ein aufkommendes Drogen-millieu sowie vereinzelte destruktive Kräfte die Nähe zum angesagten Treffpunkt der Stadt. 
Neben der politischen Arbeit stand besonders die Musik im Fokus des dreietagigen Zentrums, welches Musikkneipe, Veranstaltungsforum, Filmstudio, politischen Buchladen und Teestube unter einem Dach vereinte. 
Sessions, Proben und Konzerte konzentrierten nicht nur die Wuppertaler Musikszene sondern bestachen mit innovativen wie hochkarätigen Künstlern, von denen viele heutzutage Weltruf genießen. Der Jazz stand zwar im Vordergrund, aber freie improvisierte Musik auch aus den Bereichen des psychedelischen Rock oder erste elektronische Sounds waren zu hören. Sämtliche Facetten der Avantgarde beeinflussten Musiker, Künstler und Macher gleichermaßen. Heute stehen die meisten Künstler für ewig in den Geschichtsbüchern ihrer Genres. Liebhaber schnalzen mit der Zunge, wenn sie die vielen Namen hören, die hier ihre Visitenkarte abgaben. 
Daneben entwickelte sich eine musikalische und künstlerische Kraft im Zusammenwirken einheimischer Musiker mit nationalen wie internationalen Größen. Der kulturelle Standort Wuppertal mit seiner Free Jazz Szene und dem einher aufstrebenden, spektakulären Tanztheater Pina Bausch entwickelte absoluten Weltruhm. Die beiden Wuppertaler Preisträger des Deutschen Jazzpreis, Peter Kowald und Peter Brötzmann, sind hier stellvertretend für viele Wuppertaler Größen zu nennen. Der ungemeine Einfluß auf unzählige Wuppertaler Kulturschaffende lässt sich bis heute an den Freund- und Bekanntschaften, dem wechselwirkenden Einfluss und der starken Zusammenarbeit erkennen. Bis in die Wuppertaler Clubkultur und freien Szene keimte aus dieser Generation lokales Kulturverständnis. Clubs wie die Beatbox oder das 45RPM bis zum Kulturprojekt Sommerloch wurzelten eben in diesem geistigen Nährboden und formten kulturelle Evolution.
 
Diese Entwicklung und Entfaltung prägt E. Dieter Fränzel als künstlerischer Leiter der Konzertreihen im Skulpturenpark mit einer hochkarätigen Auswahl noch heute. Der professionelle Rückblick auf diese stilprägenden Jahrzehnte, die Wuppertal zu einem der wichtigsten Zentren improvisierter Musik werden ließ, findet sich in der niedergeschriebenen Wuppertaler Jazzgeschichte „Sounds like Whoopataal“ aus dem Jahr 2006. Ein Werk erzählt von vielen eben diesen Kräften und ist belebt von einem herausragendem Engagement E. Dieter Fränzels.
Mit dem Bedürfnis solche Erinnerungen zu dokumentieren, überleben die Geschichten ihre Protagonisten. Die Mauern des Impuls am Arrenberg fristen als ein unerkanntes Denkmal nur noch in den Köpfen weniger Menschen. Doch als Mosaikstein in der Wuppertaler Kulturgeschichte manifestierte sich dort unsere Gegenwart. Der Wunsch nach Autonomie und Toleranz hat viele geistige Grenzen gesprengt. Grüne Politik, alternative Lebensentwürfe, sexuelle Freiheit sind erst im Wechselspiel der kulturellen Reibung möglich geworden.
Das Impuls war fünf Jahre lang ein freigeistiger Ort, dem nach Ablauf des Mietvertrages die Gründung des links-alternativen Börsen-Vereins folgte. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm und so errichtete sich die Börse als Kommunikations- und Kulturzentrum in Eigenarbeit direkt um die Ecke. Bis 1996, als die anhaltenden Konflikte mit der Nachbarschaft einen Umzug der Börse an die Wolkenburg unumgänglich machte.
 
In diesen 28 Jahren war der Arrenberg insbesondere Kern der Wupper-taler Jugendkultur. Der Wandel zum Wohnquartier steht in absolutem Kontrast zu dieser Zeit. Doch die Prägung bleibt. Und die bunten Geschichten der Zeitzeugen und Protagonisten. 
Der Freiraum und der Kampf für Kultur hat heute einen ganz anderen Stellenwert. Und die Vielfalt ist fast fantastisch. Der kulturelle Spirit bewegt heute ganz anders. Manchmal in Form umstrickter Objekte im öffentlichen Raum, die für Aufregung sorgen und unerkannt entfernt werden. Kunst und Kultur findet heute einfach anders statt. Ein Geschenk – und ein Wert, der irgendwo seine Impulse hat.

Text: Wolfgang Rosenbaum

E. Dieter Fränzel im Web

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