Trend zu Hut und Haptik

Ricarda Engelsberger widmet sich einem traditionsreichen Handwerk mit Gegenwart und Zukunft.

Nicht alltäglich ist das Handwerk, mit dem der Laden von Ricarda Engelsberger beim Vorbeigehen die Blicke auf sich zieht, aber einen kleinen Trend bedient es doch: „Mein wunderbarer Hutsalon“ ist nicht nur hoch willkommen bei Freunden schönen Kopfschmucks. Das Interesse am Hut in Handarbeit verbindet sie auch mit dem Trend zum Haptischen – dem neu entdeckten Reiz des Stoffes und seiner fühlbaren Qualität.

Die Regale in der Simonsstraße 47a sind bestückt mit den Hüten, die gerade entstehen, und geben einen Eindruck von der Vielfalt all dessen, was gerade gewünscht ist: „Half Hat“, Cloche, Fedora … Von schick bis praktisch, aber eigentlich immer ein modisches Statement. Der kleine Raum ist sauber und geordnet, mit Arbeitstisch, blankem Spiegel und separater Kaffeeecke, aber er ist unübersehbar eine Werkstatt. Wer hier eintritt und vielleicht einen Hut in Auftrag gibt, kann sich sofort vorstellen: Hier entsteht er auch.

Ricarda Engelsberger ist ausgebildete Modistin. Schon einmal hat sie ein Geschäft betrieben, am Wirmhof, der stärker auf Kundenverkehr ausgerichtet war. Das hatte Vorteile, aber ruhige Arbeitsumstände fanden sich nicht. Nach sechs Jahren verlegte sie sich auf Projektarbeiten unter anderem fürs Theater. Dazu gehörte auch die besondere Erfahrung, dass sie für zwei Monate nach Bayreuth zog: Für die Wagner-Festspiele gestaltete sie in Abstimmung mit der Kostümsparte die Kopfbedeckungen zu einer „Parsifal“-Inszenierung.
Bis dann einmal ein beruflicher Schwenk anstand, weg von der Kunst und hin zu einer Reisetätigkeit im Vertrieb. Letztlich eine lehrreiche Zwischenstation, denn schließlich fiel der Entschluss zurück in die Selbstständigkeit, und in puncto Außendarstellung war sie inzwischen geübt. Für die neue Gründung passt nun die Arrenberger Adresse: ein Kiez, in der Lage gut angebunden und fürs Arbeiten doch ungestört. Bis heute schätzt Engelsberger ihr Ladenlokal und ist auch sonst glücklich mit ihrem Beruf: „Wenn ich morgens hereinkomme, freue ich mich erst einmal, dass ich ihn habe.“

Was gleich bleibt auf dem Weg zu den verschiedenen Modellen: Mit Wasser und Hitze wird der Stoff bereit gemacht zur Bearbeitung und auf eine Form gespannt. Der Stoff: Das ist oft Filz, die Basis dafür Schafhaare oder, teurer, Wollhaar vom Kaninchen. Zur Erfahrung über die Jahre gehört Organisatorisches zur Materialbeschaffung: Irgendwann kennt man die Lieferanten und weiß, was über wen gut zu beziehen ist. Verlangt eine Kundin für ihren Hut einen seltenen Stoff, wird beim Ordern die kleine Bestellmenge eben kombiniert mit Waren, die ohnehin Nachschub brauchen.

Das Bekenntnis zum Spürbaren und Handgemachten, es ist für sie auch Gegenentwurf zum Virtuellen unserer Zeit. Im Kontext dieser Wertschätzung sieht Engelsberger auch ihre Workshops: Manchmal trifft man auf Verwunderung, dass sie auch Interessierte anleitet, selbst Hand anzulegen um einen Hut zu gestalten: „Dann brauchen sie dich ja nicht mehr!“ Diesen Verdacht widerlegt nicht nur ihre Erfahrung, dass Kursteilnehmer durchaus auch Kunden bleiben. Die Kurse zielen auch gerade ab auf besagtes Gespür. Denn die Teilnehmer merken: Von Hand gemacht fühlt sich gut an – von Könnerhand ist dann sogar nur konsequent.

Info:
www.ricarda-engelsberger.de

Text: Martin Hagemeyer




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