Hans Reichel

*10. Mai 1949 in Hagen † 22. November 2011 in Wuppertal

Der Wuppertaler Musiker, Instrumentenerfinder und Schriftenmacher Hans Reichel ist im Herbst letzten Jahres plötzlich und unerwartet in seinem Atelier in der Nützenberger Straße verstorben. Viele Menschen kannten sein Gesicht, die wenigsten wussten um das Genie dahinter. Hans Reichel wohnte die letzten Jahre in der Haarhausstraße und genoss dort – aus der heutigen Sicht – seinen Lebensabend. Nach entbehrungsreichen Jahren beschied ihm seine weltbekannte Schrift ein „ziemlich“ gutes Auskommen, wie er selbst erklärt: „Meine FF Dax sieht man zum Beispiel fast ständig und überall – im Supermarkt nebenan, auf Zigarettenwerbung, Flugzeugbeschriftung, Baustellenschildern, Wegweisern, Broschüren, Plakaten, im Fernsehen. Manchmal ist da der Kontext für mich schon überraschend.“

Unprätentiös war er: „Ich verstehe mich als Werkzeugmacher. So wie jemand einen Hammer oder Nägel herstellt, ohne zu wissen, was später damit gehämmert und genagelt wird. Ich bin also Schriftenmacher, kein Typograph.“ Er ist Schöpfer von fünf Schriftfamilien geworden: Barmeno, FF Dax, FF Daxline, FF Sari, FF Schmalhans und die FF Routes. Früh fing Hans an selber zu gestalten: “Ich war ja damals in den Siebzigern eher als Musiker unterwegs, mit selbstgebauten schrägen Gitarren und so. Da gab es immer was zu zeichnen: Konzertplakate, Flyer, Infozettel, Platten-Cover und so. Das habe ich immer gern selber gemacht, mit Bleistift und Filzstiften.“ Er hat immer alles gerne selbst in die Hand genommen.

Auch die Instrumente dieser Welt haben ihm nicht gereicht. Kein Problem. Bauen wir mal ein Ding, äh, Dachs? Was?

„Dem näheren Betrachter fiel normalerweise sofort eine Ähnlichkeit mit irgendwelchen Küchenwerkzeugen auf: Tortenheber, Bratkartoffelwender, Kochlöffel. Das ist auch kein Wunder – mein erstes Spielzeug dieser Art war in der Tat ein echtes deutsches Erbsensuppenumrührding. Oder andersrum: in jedem normalen Haushalt wird wahrscheinlich ungewußt/ungewollt ein Daxophon schlummern.“ Also nix Besonderes was der Mann da erfunden hat. Liegt ja anscheinend in jeder gut geführten Schublade. Und wie hat es sich angehört? „Laut war es von Anfang an. Obwohl ein rein ‚akustisches‘ Gerät, lässt es sich mit einem einfachen Kontaktmikrophon problemlos auf Ohrenkiller verstärken. Ein entnervter kalifornischer Rezensent schrieb mal, er fühlte sich an gefolterte Maulesel und Affen und Geflügel erinnert (Tierversuche), und das ganze Ding sei eigentlich nur ärgerlich wie der bellende Hund des Nachbarn.“

Das klingt ja schön Herr Reichel! Gibt es denn auch mal Harmonie oder was machen Deine am Schluß fast über 400 Dax-Stäbe da?

„Eins ist allen gemeinsam sie sind eigenwillig und störrisch, wetterfühlig und launisch – sowas hat man ja gerne. Einige sind hübsch, andere eher unscheinbar bis unhübsch. Einige sind ausgesprochene Brüllaffen, andere murmeln lieber still vor sich hin. Manche sind vielseitig,und kooperativ, manche wollen immer nur das Eine. Ich habe ihnen gut zugeredet, sie öfter auch aufs Übelste beschimpft, oder auch schon mal einem kurzerhand den Kopf abgesägt… Musik kann Terror sein. Sag ich ja immer.“ Die Vollendung gelang Hans mit der Daxophon Operette Yuxo. Ein Meisterwerk! „Was Hans Reichel da mit ein paar Stückchen Holz, einem Geigenbogen und einem Tonabnehmer macht ist schlichtweg genial. Beim ersten Anhören habe ich zeitweilig lachend auf dem Sofa gesessen. Es ist so verblüffend! Da wird ein Stück Holz plötzlich zum Protagonisten eines Chors.“, liest man im Internet.

Hans Reichel legte die Grundlage im Spiel des Daxophons im Umgang mit seiner Gitarre, die er nicht in Ruhe ließ und auch dieses Instrument bis an seine Grenzen neu erfand: „Mobile Tonabnehmer, elektrisch rasierte Gitarren, vorwärts-, rückwärts spielbare, korpuslose, 23saitige, 24saitige, bundlose, vollbündige, hinter dem Steg zu spielende, zusammenklappbare usw. (das geht jetzt zu weit) – der Schein trügt sowieso: ich bin kein ‘Bastler’, sondern Musiker.“ Die Basis war ja da: „Eine Gitarre, das sind vor allem sechs Saiten, den Rest kann man selber machen.“ So fing alles bei Dir in der „geigenden“ Kindheit an und brachte Dir den Ruf des „criminally under-appreciated german experimental guitarist“ ein.

Gitarre, Schrift, Holz und Daxophon! Das war Deins.

Frieder Butzmann bringt es in seinem Buch „Musik im Großen und Ganzen“ wunderbar auf den Punkt. Dreimal begegnete Butzmann der Name Hans Reichel im Laufe der Jahrzehnte. Er wunderte sich nicht und glaubte es wären unterschiedliche Personen. Dann trafen alle in der Berliner Akademie der Künste aufeinander. „Ein Daxophon von Hans Reichel, die FF Dax von Hans Reichel und Hans Reichel bei einem Jazzfestival auf der Bühne? Das kann kein Zufall sein. In Abänderung eines gern verwendeten Zitates wurde klar: Hans Reichel is Hans Reichel is Hans Reichel.“

Hans hat und wird weiterhin Menschen verwundern und inspirieren. Sein Werk ist vor allem ein Geschenk für die Zukunft. Allein der Kauz ist weg. Sein Leben hatte alles und er ist sehr glücklich gestorben. Diesen Tod hätte er sich genau so gewünscht. Er hinterlässt auf der ganzen Welt Freunde wie unzählige und gerade jetzt wunderschöne Erinnerungen. Mit seinem typischen Gang, der Kippe im Gesicht und dem – natürlich – selbstgebauten Backgammon-Spiel im bunten, legendären Jutebeutel, wird er um keine Ecke mehr biegen. Der Gefährte wird nicht mehr mit seinen Freunden an Tisch Null im Congo sitzen und dort mit seiner Sprache, seinem Wortwitz, seinem Charme und seiner Nähe verzaubern.

Mensch Hans… Du bleibst im Herzen und auf der Welt. Deine selbst programmierte Internetseite, www.daxo.de, vor der selbst Experten den Hut ziehen, bleibt in Deinem Gedenken für alle Erdmänchen online. „Schnauze.“, feixt Du mir gerade von der Schulter. Ich weiß. Du hättest das jetzt alles gar nicht hören wollen. Die Menschen sollen Dich auch einfach selber entdecken.

Lieber Hans, sehr geehrter Herr Reichel, wir danken Dir für dieses Leben!
 

Text: Wolfgang Rosenbaum




Weitere Geschichten